Ethnographie der Situation

Erkundungen sinnhaft eingrenzbarer Feldgegebenheiten

Call for papers zu den 7. Fuldaer Feldarbeitstagen am 5./6.7.2019

von Ronald Hitzler, Matthias Klemm, Simone Kreher, Angelika Poferl und Norbert Schröer

„In jedem Augenblick meines bewussten Lebens befinde ich mich in einer Situation. […] In jeder Situation ist mir die Welt nur in einem bestimmten Abschnitt gegeben.“ (Schütz/Luckmann 2003, S. 150 und 153).

Auch wenn Erving Goffmans Feststellung, eine soziale Situation sei dann beendet, wenn der vorletzte daran Beteiligte weggehe (vgl. Goffman 2009, S. 34), formalen Ansprüchen genügen und dem Alltagsverstand gewiss einleuchten mag, ist es weniger banal, eine Situation als ‚soziale‘ zu definieren, als es zunächst der Fall zu sein scheint. Zu klären ist zumindest, wer für wen aufgrund welcher Merkmale und unter welchen Umständen als „daran Beteiligter“ gilt. Das Thema der 7. Fuldaer Feldarbeitstage engt deshalb in dieser Hinsicht den Begriff der Situation nicht auf den der sozialen Situation ein, sondern sucht Antworten auf die grundlegende Goffmansche Frage „Was geht da vor sich?“ (Goffman 1977, S. 16). Gleichwohl bedarf es zur Fokussierung der für diese Veranstaltung erwarteten Beiträge einer Klärung dessen, was in diesem Kontext heuristisch als ‚Situation‘ gelten bzw. nicht gehen soll.

Nicht als Situation gelten soll all das, was alltagssprachlich mitunter auch ‚Situation‘ genannt wird, was aber ebenso als ‚Zustand‘ bzw. als ‚Lage‘ bezeichnet werden kann (wie z.B. „die politische Situation in unserem Lande“). Nicht als Situation gelten soll auch alles, was ein als ‚hier und jetzt‘ fassbares Geschehen transzendiert, also langzeitliche Verläufe und großräumliche Zusammenhänge. Und nicht als Situation gelten soll selbstverständlich alles, was für die wie auch immer geltend gemachte Definition der Situation (vgl. Thomas 1965, S. 114) nicht dem Wissen der Definierenden entspricht. Sogenannte Tatsachen bzw. Fakten, von denen die die Situation Definierenden nichts wissen, sind für eine Ethnographie der Situation demnach ohne Bedeutung.

Als Situationen gelten sollen: als räumlich, zeitlich und sozial gegenüber sie transzendierenden Ausdehnungen sinnhaft eingrenzbare Handlungszusammenhänge; vereinfacht ausgedrückt als das, „dem sich ein Mensch in einem bestimmten Augenblick zuwenden kann“ (Goffman 1977, S. 16). So verstandene Situationen beginnen und enden typischerweise mit als solchen identifizierbaren Ereignissen. Situationen beinhalten aber auch Ereignisse, welche unter veränderten Gesichtspunkten ihrerseits definitorisch als Situationen aufgespreizt werden können.

Eine Ethnographie der Situation soll von anderen Ethnographien mithin dadurch unterschieden werden, dass Ethnographien im Allgemeinen sich aus der Beschreibung und Deutung einer Reihe bzw. eines Konvoluts registrierter und rekonstruierter Situationen zusammensetzen, während eine Ethnographie der Situation auf die Beschreibung und Deutung einer – einmaligen oder typischen – Situation fokussiert ist. Was nun im Rahmen einer ethnographischen Studie (in Abgrenzung wovon) als Situation exploriert werden soll, hängt, so auch Adele Clarke (2012), wesentlich von den jeweiligen Erkenntnisinteressen der Forschenden ab.

In mancherlei Hinsicht korrespondiert die grundsätzliche Problemstellung einer Ethnographie der Situation mit der der von Hubert Knoblauch (2001) protegierten „fokussierten Ethnographie“. Beide Ansätze verfolgen keine holistischen Erkenntnisinteressen, sondern konzentrieren sich – sozusagen ‚mikroethnographisch‘ – auf bestimmte Ausschnitte von Feldern (und Welten). Allerdings stehen in der Ethnographie der Situation dem ‚ganzen Feld‘ nicht nur bestimmte Aktivitäten gegenüber, wie das von Knoblauch (2001, S. 129) betont wird, sondern eben auch die von Clarke (2012) ausdrücklich einbezogenen (z.B. institutionellen oder diskursiven) Bedingungen, unter denen gehandelt wird, sowie die Dynamik des jeweils interessierenden situativen Geschehens. Inwiefern es mithin genügt, sich zu Situationen im hier gemeinten Sinne „rasch allgemeine Informationen“ (Knoblauch 2001, S. 128) zu beschaffen, wäre eine bei den Fuldaer Feldarbeitstagen zumindest zu diskutierende Frage.

Prinzipiell schlagen wir aber vor, eine Ethnographie der Situation dadurch zu spezifizieren, dass nicht Fragen nach biographischen Motiven und/oder nach sozialstrukturellen Erklärungen die methodenplurale Erkundung des Handelns der je untersuchten Menschen leiten, sondern Fragen nach je konkreten Bedingungen, unter denen je interessierende Verhaltens- und Handlungsweisen mit welchen Dynamiken einmal oder typischerweise statthaben. Wie solche je konkreten Bedingungen und Dynamiken bestimmt, wie Situationen also definiert werden, hängt allerdings davon ab, wer darüber befindet.

Die Bedingungen und Dynamiken des Geschehens in Situationen lassen sich von den Forschenden sowohl aus einer (eher) randständigen als auch aus einer (eher) existentiellen Mitgliedschaft erfassen. Polar auseinander gehalten ist die Rekonstruktion aus diesen typischen Perspektiven in Situationen dann unterschiedlich voraussetzungsvoll: Die randständige Perspektive setzt voraus, dass Forschende ein Geschehen beobachten können und über ihre randständige Teilnahme am Feldgeschehen eine Mitspielkompetenz erwerben, die ihnen näherungsweise eine Perspektivübernahme gestattet. Methodisch impliziert das: teilnehmende Beobachtung (vgl. z.B. Dellwing/Prus 2012; Breidenstein u. a. 2013). Über die existentielle Mitgliedschaft können die Forschenden hingegen eine „einzigartige Adäquanz“ (vom Lehn 2012, S. 78f) dadurch erlangen, dass sie selber sich – eben existentiell – im Geschehen engagieren. Die Erfassung der Situationsdefinition(en) ist dann nicht nur ‚feiner‘, sondern auch von der Gewissheit des eigenen Erlebens getragen. Methodisch impliziert das: beobachtende Teilnahme (vgl. z.B. Honer 1993; Hitzler/Eisewicht 2016).

So oder so: Wesentlich gekennzeichnet ist eine (jede) Ethnographie der Situation dadurch, dass sie eben – wiederum mit Goffman (1971, S. 9) – weniger nach Menschen und ihren Situationen fragt, als nach Situationen und ihren Menschen bzw. nach Situationen, in deren ‚Rahmen‘ Verhaltens- und Handlungsweisen (für Beobachtende und/oder Teilnehmende) Sinn ergeben.

Dieser Heuristik folgend sollen während der 7. Fuldaer Feldarbeitstage ethnographische Studien ebenso wie ethnographische Theoriepositionen diskutiert werden. Vortragsvorschläge in Form eines maximal 4.000 Zeichen umfassenden Abstracts richten Sie bitte bis 15. März 2019 an Norbert Schröer: Norbert.Schroer@sk.hs-fulda.de

Literatur:

Breidenstein, Georg/Hirschauer, Stefan/Kalthoff, Herbert/Nieswand, Boris (2013): Ethnographie. Konstanz: UVK

Clarke, Adele (2012): Situationsanalyse. Wiesbaden: Springer VS

Dellwing, Michael/Prus, Robert (2012): Einführung in die interaktionistische Ethnografie. Wiesbaden: Springer VS

Goffman, Erving (1971): Interaktionsrituale. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Goffman, Erving (1977): Rahmen-Analyse. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Goffman, Erving (2209): Interaktion im öffentlichen Raum. Frankfurt a.M., New York: Campus

Hitzler, Ronald/Eisewicht, Paul (2016): Lebensweltanalytische Ethnographie – im Anschluss an Anne Honer. Weinheim und Basel: Beltz Juventa

Honer, Anne (1993): Lebensweltliche Ethnographie. Wiesbaden: DUV

Knoblauch, Hubert (2001): Fokussierte Ethnographie. In: Sozialer Sinn 2(1), S. 123-141

Schütz, Alfred/Luckmann, Thomas (2003): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK

Thomas, William I. (1965): Person und Sozialverhalten. Neuwied, Berlin: Luchterhand

Vom Lehn, Dirk (2012): Harold Garfinkel. Konstanz: UVK