by Mateusz Laszczkowski submitted at the Philosophische Fakultät I, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

OPAC

Date of Defense
22.10.2012

Supervisors

Prof. Dr. Günther Schlee
Prof. Dr. Catherine Alexander

German Summary – Deutsche Zusammenfassung

Die vorliegende Dissertation ist eine ethnographische Untersuchung der verwobenen Dynamiken des sozialen und städtebaulichen Wandels in Astana, der Hauptstadt von Kasachstan. Erforscht werden die Emergenz, Integration, Infragestellung und aktive Pflege – oftmals gegen erhebliche Widerstände – sozialer Assemblagen, Subjektivitäten und Beziehungen. Der bebaute Raum spielt dabei als Fokus und Katalysator von sozialen Dynamiken eine zentrale Rolle.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der kasachischen Staatsgründung im Jahre 1991 wurde die Hauptstadt 1997 von Almaty in das heutige Astana verlegt. Die Stadt ist nördlich-zentral gelegen inmitten einer großräumigen Steppenlandschaft, welche zu den südlichen Ausläufern Sibiriens gehört. Zusammen mit nationalen und internationalen Konzernen begann die postsowjetische politische Führung, aus Astana eine exemplarische Hauptstadt zu formen, „eine Stadt der Zukunft“, wie sie in Kasachstan oft öffentlichkeitswirksam bezeichnet wird. Dieses großangelegte soziale Transformationsprojekt verbindet eine starke politische Zentralisierung und Kontrolle mit der Öffnung für den transnationalen kapitalistischen Markt. Im neuen Stadtviertel, der sogenannten Leviy bereg (‚Left Bank‘), werden hochaufragende, massive, farbenfrohe und ausgefallen gestaltete Gebäude errichtet, um eine bestimmte Vision von Modernität und Kasachstans Zukunft umzusetzen (siehe Kapitel 2). ‚Fortschritt‘ und Wandel sollen von der Hauptstadt in das gesamte Land ausstrahlen. Notwendigerweise entsteht dieses Projekt allerdings auf dem Fundament von vorhandenen sozialen Beziehungen, eben jener Realität, die es überschreiten und verändern soll. Die Entwicklung der Hauptstadt ist nicht nur abhängig von ihren Beziehungen zum ausgedehnten kasachischen urbanen und ländlichen Hinterland, sondern wird durch diese auch eingeschränkt. Astana wird zu einem Ort, an dem Enthusiasmus und  Desillusion der kasachischen Bürger aufeinandertreffen.
Der spektakuläre neue Stadtteil Astanas entstand in einem bereits vorhandenen urbanen Umfeld, einer Stadt mit 250,000 Einwohnern, die zu Sowjetzeiten entstanden war. Damals bekannt als Tselinograd, war die Stadt vor allem infolge von Nikita Chruschtschows ‚Virgin Land Campaign‘ (Neulandkampagne) in den Jahren 1954-1961, einem ebenfalls massiven sozialen und ökonomischen Transformationsprojekt, gewachsen. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren geriet die qua Nationalität größtenteils russische Bevölkerung der Vor-Hauptstadtzeit durch den rasanten Zuzug von kasachischen Neuankömmlingen aus urbanen und ländlichen Gebieten des ganzen Landes in die Minderheit (Kapitel 3). Diese Dynamiken haben Kategorien und Spannungen, die bereits durch Prozesse sozialen Wandels in der Sowjetzeit entstanden, wieder hervorgebracht, z.B. ‚Urbanität‘ und ‚Ländlichkeit‘, ‚Modernität‘ und ‚Rückständigkeit‘ ‚Kasachisch-Sein‘  versus ‚Russisch-Sein‘ oder ‚Russifizierung‘.

© Mateusz Laszczkowski

Das Nebeneinander unterschiedlicher Paradigmen der Raumproduktion  und Organisation sozialer Beziehungen ist ein entscheidender Faktor für das Entstehen komplexer sozialer Dynamiken, die  die vorliegende Dissertation untersucht. Weitere Faktoren sind starke Affekte, verbunden mit dem Leben in einer sich rasant wandelnden Stadt, sowie das dichte Zusammentreffen verschiedener Kategorien von Staatsbürgern (definiert durch die sozio-geographische Herkunft, Sprache, Lebensstil, Klasse und Ethnizität). Die Materialität und Ästhetik des bebauten Raumes ist von entscheidender Bedeutung, da die baulichen Formen nicht nur soziale Beziehungen und Identitäten symbolisieren, sondern auch zu ihrer Emergenz und kontinuierlichen Re-Arrangierung beitragen. Ferner sind Astanas bebautem Raum multiple soziale Zeitlichkeiten eingeschrieben. Die jüngst errichteten Bauten verkörpern eine neue Zukunft, die ebenso viel Hoffnung wie Unsicherheit in sich birgt, während der Kern der Stadt  aus architektonischen Formen besteht, die einer anderen, vergangenen und mundanen, Zukunft eine andauernde materielle Präsenz verleihen: dem sowjetischen urbanen Modernismus, der die Stadt in den Jahrzehnten vor ihrer Ernennung zur Hauptstadt prägte (Kapitel 4). Diese verräumlichten Zeitlichkeiten geben das Raster vor, das die sozialen Dynamiken in Astana gleichzeitig befördert und einschränkt.

Die Dissertation basiert auf 13 Monaten Feldforschung zwischen 2008 und 2009 in Astana, die methodisch auf teilnehmender Beobachtung, Alltagskonversationen, Fotografie, sowie halbstrukturierten und strukturierten Interviews aufruht. Ferner wurde der Feldforschung aus der Perspektive des Fußgängers Bedeutung zugemessen, um die materielle Textur der Stadt körperlich erfahrbar zu machen.
Untersucht wurden verschiedene Orte in Astanas bebautem Gefüge – wie etwa ein alter Wohnblock, ein Hof, eine Straße, ein Platz oder ein neues Einkaufszentrum – sowie die damit einhergehenden Formen alltäglichen sozialen Lebens, um die Verschränkungen sozialer Beziehungen mit der bebauten Umgebung unter Bedingungen des rapiden und tiefgreifenden Wandels zu explorieren. Die vorliegende Ethnographie des sozialen Wandels in der Stadt würdigt die entscheidende Rolle des materiellen, bebauten Raumes für soziale Dynamiken. Ich verstehe Raum als eine aktive Dimension der Prozesse, in denen soziale Beziehungen geschaffen, geordnet und neu geordnet werden, in der sich die Performanz von Identifikation vollzieht und durch die soziale Aggregate integriert, erhalten und infrage gestellt werden.

© Mateusz Laszczkowski

Die ethnographischen Kapitel werden von drei theoretischen Themenfeldern beherrscht: die wechselseitige Konstitution von bebautem Raum und sozialen Beziehungen; die performative Emergenz und Erhaltung des Selbst und des Kollektiven; und das Vorhandensein multipler Zeitlichkeiten im bebauten Raum. Die wichtigsten Forschungsfragen sind: was sind die wechselseitigen Einflüsse von sozialen Beziehungen und bebautem Raum in Astana? Welche Folgen ergeben sich, wenn der materielle Wandel der Stadt mit einer rasanten Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung einhergeht? Wie wirken sich diese Transformationen in ihrer Gesamtheit auf die Entstehung und Erhaltung des sozialen Gefüges und von kollektiven und individuellen Identifikationen aus? Welche Möglichkeiten ergeben sich dadurch, welche werden versperrt? Kurz gesagt, die vorliegende Dissertation untersucht die politischen Auswirkungen der Bauarbeiten und des bebauten Raumes in Astana. ‚Politisch‘ verwende ich im Sinne eines sozialen Feldes von Praktiken, in dem soziale Gruppen und Muster sozialer Beziehungen definiert, herausgefordert und verteidigt werden, ein Raum von Möglichkeiten, in dem  Experimente zur Strukturierung sozialen Lebens durchgeführt werden, die fehlschlagen und wieder aufgenommen werden können (Spencer 2007).

Die theoretischen Grundlagen meiner Arbeit sind dreifach: 1) Raum und soziale Beziehungen sind wechselseitig konstitutiv und werden in ihrer polyvalenten Verschränkung wechselseitig geschaffen, zerstört und neu geschaffen. 2) Entgegen etwaiger Hegemonieansprüche ‚des Staates‘ im Hinblick auf die ‚Raumproduktion‘ (Lefebvre 1991), beinhalten diese Prozesse – häufig kontingente und inkohärente – performative Praktiken verschiedener Akteure. 3) In der performativen Auseinandersetzung mit Raum geraten Subjektivitäten und soziale Assemblagen in eine dynamische und unbeständige Existenz, die genau wie ein Gebäude kontinuierlicher Instandhaltung bedarf, der Bestätigung von Definitionen und neuer Grenzen. Die Ästhetik, die Oberflächen von Bauten und das  Erscheinungsbild von Menschen sind in diesen Prozessen von Bedeutung, denn durch sie werden soziale Beziehungen manifest (Buchli 2007) und nehmen Menschen einander wahr.

Nachdem wir ‚the unmaking of Soviet life’ (Humphrey 2002) und  ‚uncertain transitions‘ (Burawoy und Verdery, eds. 1999) beobachtet haben, ist es nun Zeit für die Ethnologie, das Auftreten neuer sozialer Konfigurationen in der einst sowjetischen Welt zu untersuchen. Veränderte räumliche Beziehungen spielen hier von Beginn an eine wichtige Rolle. Sowohl sozialer Wandel als auch die Erhaltung des Status Quo sollten dabei als Prozess verstanden werden (Moore 1979, 1987), als Ergebnis pluraler Bestrebungen verschiedener Akteure, soziale Beziehungen im Verlauf der Zeit mit offenem Ausgang zu ordnen und neu zu ordnen. In Ablehnung holistischer und teleologischer Prämissen des ‚Übergangs‘ sollten wir insbesondere die individuelle Performanz, Inkohärenz, Improvisation und die Performativität (Butler 1999 [1990]) des alltäglichen sozialen Handelns in den Vordergrund stellen. Denn sozialer Wandel ist letztlich ‚the result of a plurality of instances, each a special case, distributed in irregular way in time and space‘ (Buchli 2000: 12).

Ich vertrete die These, dass die Erforschung sozialer Dynamiken von Kontinuität und Innovation mit einem Fokus auf der Materialität des bebauten Raumes, verstanden als konstitutive Dimension sozialer Prozesse, ein vielversprechender Ansatz ist. Zielsetzung meiner ethnographischen Forschung ist es dementsprechend zu beleuchten, wie verschiedene Individuen und Gruppen den städtischen Raum in Astana erleben, beschreiben und mit ihm interagieren. Wie Lefebvre (1991) herausstellt, bietet der Raum das notwendige Gerüst, ohne das soziale Beziehungen nicht existieren können; Raum strukturiert die relative Ordnung und Unordnung aller anderen von der Gesellschaft geschaffenen Dinge. Soziale Subjektivitäten, Identitäten, Hierarchien und Strukturen werden geformt und belebt durch die Auseinandersetzung der Menschen mit dem Raum.

Über die Kategorien von Dominanz und Widerstand hinausgehend, auf die viele bedeutende Studien zu modernem urbanen Raum fokussiert haben (z.B. Foucault 1977; Castells 1978; Rabinow 1989; Kotkin 1995; Scott 1998; Harvey 2003), frage ich, welche Modalitäten intentionaler und aktiver Partizipation, welche alternativen Formen kreativer Agency und welche Anordnungen sozialer Beziehungen durch die staatlich initiierte Produktion von Raum ermöglicht werden. Den offenen Ausgang und die Unbestimmtheit sozialer Prozesse (Moore 1979) anerkennend, bediene ich mich bei der Analyse meiner ethnographischen Ergebnisse  eines sozialwissenschaftlichen Vokabulars, das Raum prozessual versteht, und die fundamentale Offenheit von Raum, insbesondere des urbanen Raums, für die Bildung sozialer Beziehungen betont (De Certeau 1984; Lefebvre 1991, 2003a; Buchli 2000; Low 2000; Massey 2005). Raum ist weder ein Container für gegebene soziale Formen noch eine vollständige Totalität; seine Offenheit ermöglicht die Schaffung des Sozialen ‚in the negotiation of relations within multiplicities‘ (Massey, 2005: 12f). Wie Lefebvre (1991: 142f) herausstellt ist Raum gleichzeitig ‚result and cause, product and producer‘; Raum ist auch ein Ort für Projekte und strategische Aktionen, die darauf ausgerichtet sind, zukünftige Ziele zu erreichen. Es ist somit angemessen, zur Erforschung der Dynamiken und Möglichkeiten sozialen Wandels auf bebauten Raum zu fokussieren.

© Mateusz Laszczkowski

In Astana spielen die Ästhetiken und Materialitäten des bebauten Raumes eine zentrale Rolle in der Artikulation politisch aufgeladener Visionen der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen sozialen Ordnung. Die Kapitel 2 und 3 meiner Arbeit zeigen dementsprechend, dass für die Bewohner Astanas diese Ästhetik und Materialitäten entscheidende Dimensionen im Verfolgen ihrer eigenen persönlichen Zukunft und im Streben nach zufriedenstellenderen  Subjektivitäten darstellen. Darüber hinaus untersuche ich, wie durch verschiedene Formen kontinuierlicher, performativer Auseinandersetzung mit dem urbanen Raum soziale Aggregate geschaffen und erhalten werden, und wie deren wechselseitige Beziehungen ausgehandelt werden. Diese Dynamiken beinhalten die Artikulation verschiedener räumlich-zeitlicher Horizonte und kultureller Kategorien, zu denen die Materialitäten der Stadt und die Identitäten ihrer Einwohner in Beziehung stehen: Urbanität und Ländlichkeit (Kapitel 3), eine nostalgische Vergangenheit (Kapitel 4 und 5), oder eine kosmopolitische Zukunft (Kapitel 2 und 5). In Kapitel 6 beschreibe ich, wie die Offenheit des bebauten Raumes für erfinderische und fantasievolle Aneignung die Destabilisierung dominanter räumlicher Logiken oder ästhetischer Codes ermöglicht sowie das Experimentieren mit alternativen, autonomen Formen der Vergesellschaftung  erlaubt. Nachfolgend stelle ich die einzelnen Kapitel detaillierter vor.
Kapitel 1 bietet einen Überblick zu Kasachstans jüngster Geschichte, der Geographie, Wirtschaft, dem politischem System und der Verlegung der Hauptstadt. Ich stelle die untersuchten Themenfelder und die Argumentation meiner Dissertation vor, ebenso wie meine Quellen und angewandten Methoden. Die folgenden fünf ethnographischen Kapitel behandeln jeweils einen eigenständigen Unterpunkt, der gleichzeitig einen Teil der Gesamtargumentation bildet

Kapitel 2 untersucht die Produktion von Raum in Astana als soziales Transformationsprojekt. Ich beschreibe das neue Stadtbild und seine Repräsentationen und betrachte die Rolle der Bautätigkeit in Astana als politische Praxis. Das Projekt ist eine ‚rational and critical utopia‘ (Holston 1989), welches die Errichtung eines kohärenten, fortschrittsorientierten sozialen Ganzen versinnbildlichen soll, das vom Staat gerahmt wird. Insbesondere vor dem Hintergrund der Erinnerung an das wirtschaftliche Versagen und die soziale Atrophie kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion finden die Bürger dieses Projekt besonders ansprechend. Astana scheint Individuen Aussichten auf eine aktive persönliche Entwicklung und ein stärker zufriedenstellendes Leben zu bieten. In Kapitel 2 stelle ich dar, welche Bedeutung die Materialität von baulichen Formen und die Ästhetik der visuellen Ordnung für die Bildung von sozialen Beziehungen, Subjektivitäten und Orientierungen in Astana haben, indem sie Vorstellungen von Urbanität, Weltlichkeit und Modernität wecken. Ferner untersuche ich die zeitlichen Effekte der Bautätigkeit in Astana: während der Bauprozess die Gegenwart zugunsten der Zukunft aussetzt, verursachen die gegenwärtigen materiellen Bedingungen und die aufgeschobene Verwirklichung der gewünschten Zukunft zeitliche Spannungen, die wiederum kritische Einschätzungen des ‚utopischen‘ Projektes hervorrufen.
Kapitel 3 stellt den Nexus zwischen den in Kapitel 2 beschriebenen ästhetischen, moralischen und zeitlichen Ideen von urbaner ‚Modernität‘ und den Dynamiken kollektiver Identifikation her. Die Produktion neuen Raums und der tiefgreifende demographische Wandel mit einer Verdreifachung der Bevölkerung, der die Alteingesessenen inzwischen zur Minderheit machte, stellen in Astana über die letzten zwei Jahrzehnte Dimensionen von Veränderungen dar, welche die Neudefinierung von kollektiven Identifikationen gleichzeitig ermöglichten und notwendig machten. Ich untersuche in diesem Zusammenhang die Redefinition sozialer Aggregate durch das Prisma individueller Performanz. Im Anschluss an einen Überblick über die ethnisch-nationalen Beziehungen im sowjetischen und postsowjetischen Kasachstan sowie die Bevölkerungsdynamiken in Astana lege ich den Schwerpunkt auf verschiedene persönliche Berichte von Personen, die zwischen 1998 und 2008 nach Astana migriert sind.

Diese Erzählungen verdeutlichen, wie Ideen ‚urbaner‘ und ‚ländlicher‘ Formen von Sozialität sowohl die individuelle Performanz als auch die Dynamiken kollektiver Identifikation beeinflussen. Der Annahme folgend, dass in Prozessen kollektiver Identifikation verschiedene Kategorien je nach Situation durch die Akteure hervorgehoben oder unterdrückt werden (Schlee 2008, Donahoe et al. 2009), argumentiere ich, dass sich in Astana die ‚kulturellen Stile‘ (Ferguson 1999) ‚Urbanität‘ und ‚Ländlichkeit‘ als die auffälligsten Identifikationskategorien erweisen. Dies ist auf den kulturellen Wert zurückzuführen, der ‚Urbanität‘ beigemessen wird. Wie in Kapitel 2 beschrieben, wurde Urbanität in der sowjetischen Ära als Wert etabliert und dann durch die jüngsten sozialen Prozesse aktualisiert.
Kapitel 4 setzt das Thema der Verflechtung von  Subjektivitäten, sozialen Aggregaten und Raum fort. Auf der Grundlage einer individuellen Lebensgeschichte beschreibe ich, wie unter den in der Mehrzahl slawischen Bewohnern von Tselinograd trotz ihrer allochthonen Herkunft ein Gefühl von lokaler Zugehörigkeit aufkam, da ihre Leben mit der materiellen Entwicklung der Stadt verknüpft waren. Mit dem gezielten Blick auf einen einzelnen Wohnblock untersuche ich weiter, wie die kontinuierliche Schaffung und Erhaltung von Raum zur performativen Konstitution der Einwohner als einem räumlich verankerten, kollektiven sozialen Subjekt beitragen. Beobachtungen der jüngsten Veränderungen in dem Wohnblock zeigen, wie die breiteren sozialen und politisch-ökonomischen Transformationen in Astana und Kasachstan insgesamt sich in den unmittelbaren Erfahrungen der städtischen Bewohner ausdrücken. Aus dem Kapitel geht als wichtigste Erkenntnis hervor, dass die Einwohner von ehemals Tselinograd in der Konfrontation mit verschiedenen Transformationen eine räumlich-zeitliche Alternative konstruieren, die als Bezugspunkt ihrer kollektiven Zugehörigkeit dient. In Anlehnung an Debbora Battaglia (1995b) bezeichne ich diesen Prozess als ‚praktische Nostalgie‘. Die Einwohner rekonstruieren ihre Stadt als fast bukolisches Idyll mit sozialer Harmonie und Wechselseitigkeit. Sie betonen ihre detaillierten Kenntnisse der baulichen Textur der Stadt und praktizieren eine gutmütige Ironie bezüglich der materiellen Formen und Sozialitätsmuster der Stadt. Aufbauend auf Herzfelds (2005) Begriff der ‚kulturellen Intimität‘ schlage ich den Begriff der ‚räumlichen Intimität‘ vor, um diesen Komplex kultureller Praktiken zu umschreiben. Die alternative soziale Raum-Zeit, die durch die räumliche Intimität entsteht, ist jedoch nicht auf die Vergangenheit beschränkt, sondern wird durch alltägliche Tätigkeiten – wie sich als Fußgänger durch die Stadt zu bewegen und die Pflege sozialer Kontakte – belebt und auf die Zukunft ausgerichtet.
In Kapitel 5 untersuche ich die veränderten Nutzungen und Bedeutungen von ausgewählten öffentlichen Plätzen in Tselinograd/Astana, und deren Auswirkungen auf die Ausbildung von Orientierungen, Werten, Identitäten und Beziehungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Dies ermöglicht mir gleichzeitig die Verbindung zu Debatten über das Konzept des ‚öffentlichen Raumes‘ in den Sozialwissenschaften. Das Beispiel Tselinograd/Astana bietet hierfür eine neue Perspektive, denn der Raum der Stadt wurde zunächst geprägt durch den sowjetischen Staatssozialismus und später durch eine kapitalistisch-marktfreundliche Führung, die gleichzeitig auch ein dem sowjetischen Beispiel sehr ähnliches soziales Transformationsprojekt durchführte (Kapitel 2). Die wichtigsten Plätze Astanas dienen als Orte für zentral organisierte Festlichkeiten an Feiertagen. Öffentliche Feste werden oft genutzt, um die staatsbürgerliche Identität zu formen, dies trifft für die Sowjetunion genauso zu wie für die Nachfolgerepubliken, einschließlich des heutigen Kasachstan. Diese Praxis hat jedoch auch unerwartete Effekte. Einwohner, die schon vor der Verlegung der Hauptstadt im heutigen Astana lebten, bleiben diesen Festen fern und erinnern sich stattdessen gern nostalgisch an die Feiertage der Sowjetzeit, ein weiterer Bestandteil der ‚praktischen Nostalgie‘, die im vorigen Kapitel beschrieben wurde. Das neue Einkaufszentrum erscheint dagegen als Brennpunkt von, wie ich es nenne, ‚tacit politics of corporeal signification‘ (Kapitel 3), wo Ideen von Urbanität, Weltlichkeit und ‚Gegenwärtigkeit‘ (Kapitel 2) performativ  ausgelebt werden.

Kapitel 6 unterstreicht nochmals die Unbestimmtheit die Prozessen der Schaffung von Raum und der Konstruktion sozialer Assemblagen inhärent ist. Hier beschäftige ich mich mit  den ausgefallenen Aktivitäten des Spiels Encounter, das bei gewissen Teilen der Jugendlichen in Astana sehr beliebt ist. Die Spieler erzeugen starke ästhetische Kontraste im städtischen Raum, schaffen surrealistische Effekte und kehren die konventionellen Bedeutungen von Raum, baulichen Formen und Formen sozialer Interaktion um. Die Kapitel 2 bis 5 beschreiben verschiedene Bemühungen, eine relative Ordnung zu schaffen und zu erhalten, Kapitel 6 hingegen macht eine kreative Praxis zum Thema, die Unbestimmtheit und Subjunktivität (Turner 1982, 1988) begrüßt und betont. Encounter verwandelt die ästhetischen Codes des urbanen Raums in ein Getöse flüchtiger hybrider Konfigurationen und zeigt dabei den radikal offenen Horizont der Möglichkeiten auf. Wie ich zeige, scheint das Spiel aber auch nachhaltige soziale Effekte hervorzurufen, da es die Schaffung und Erhaltung autonomer Sozialitäten der Spieler fördert. Innerhalb dieser Netzwerke werden Urbanität und Zugehörigkeit in unerwarteten Begriffen verhandelt. Entscheidend für diesen Prozess ist die Aktivität des Spielens, welche die direkte körperliche Auseinandersetzung mit dem bebauten Raum der Stadt und den in ihm verkörperten multiplen Zeitlichkeiten erfordert.
Meine Dissertation beschreibt, zusammengefasst, wie die Produktion von Raum in Astana eine Vielzahl unterschiedlicher, manchmal widersprüchlicher, Prozesse kultureller Anordnung von sozialen Beziehungen ermöglicht. Einige dieser Prozesse entsprechen der offiziellen Ideologie, andere umgehen diese oder bieten kritische Alternativen. Dabei handelt es sich um die grundlegende politische Einwirkung materieller, ästhetischer und prozessualer Eigenschaften des Raumes, während ‚politisch‘ für den Bereich umkämpfter und bedingter Bestrebungen steht, Strukturen sozialen Lebens zu schaffen und zu pflegen. ‚Always under construction‘, ‚never finished, never closed‘ (Massey 2005: 9), unterstützt der Raum die Unbestimmtheit in soziokulturellen Prozessen. Die räumliche Prägung des Sozialen, die immer mit der sozialen Prägung des Raumes einhergeht, stellt sich viel kontingenter, unbestimmter, offener und pluralistischer dar, als Stadtplaner und Herrscher dies annehmen. Weder ist soziales Leben leicht durch dominante räumliche Strategien ‚einzurahmen‘ noch sind solche räumlichen Rahmen mühelos stabil zu halten. Die Offenheit des Raumes ist Grundlage für multiple Potentiale soziokultureller Kreativität. Ich zeige auf, dass die Produktion des Raumes in Astana nicht die Richtung des sozialen Wandels vorgibt, sondern sie ermöglicht eine Vielzahl an Experimenten mit der Transformation und Bewahrung kontingenter Ordnungen. Politisch betrachtet ist die Schaffung des Raumes oft eine Strategie der Dominanz, doch sie ist noch viel mehr: sie ermöglicht die Artikulation von Unterschieden und die Formation verschiedener sozialer Subjektivitäten in der Gegenwart und der Zukunft.

Source: http://www.eth.mpg.de/cms/en/people/d/laszczkowski/dissertation.html

 

Mateusz Laszczkowski, Dr.

Assoziierter, Abteilung Integration und Konflikt, Max-Planck Institut für ethnologische Forschung

Photo 1: Crowd at Astana’s Central Square (Tsentralnaya Ploshchad’), celebrating the Day of Unity of the People of Kazakhstan, 1 May 2009. © Mateusz Laszczkowski
Photo 2: A ‘city of the future’ built amid the steppe – panorama of Astana’s Left Bank area from the Bayterek tower, March 2008. © Mateusz Laszczkowski
Photo 3: The old against the new – contrasting housing in one of Astana’s major thoroughfares, Kenessary Avenue. March 2008. © Mateusz Laszczkowski
Photo 4: Soviet-era block of apartments not far from the center of Astana, March 2008 © Mateusz Laszczkowski